Montag, 1. Dezember 2008

Killerspiele

"Zwar lassen sich die Ursachen von Jugendgewalt nicht auf einzelne Faktoren reduzieren, aber Meta-Analysen zeigen, dass in neueren Studien ein zunehmender empirischer Zusammenhang zwischen gewalttätigem Verhalten und dem Konsum von «Killerspielen» ausgewiesen ist. Erklärt wird dies vor allem mit der realitätsnahen Grafik und den vielfältigen Möglichkeiten, Gewalt anzuwenden. Durch den Einsatz von grausamen Waffen gegen Menschen und menschenähnliche Wesen steigt der Erfolg. Bezeichnend ist, wie solche Spiele angepriesen werden. Oliver Beck, Manager des Herstellers Midway, zum neusten, 35 Millionen Franken teuren Videospiel «STRANGEHOLD»: «Das Spiel wartet mit einer Grafik auf, die es möglich macht, die Umgebung im Game komplett zu zerstören. Nahezu jedes Objekt auf dem Bildschirm lässt sich physikalisch korrekt erschiessen. Wir nennen dies ‹Massive-Destructability-System›.» («Berner Zeitung», 10.9.2007)" Mehr....
http://www.zeit-fragen.ch/ausgaben/2008/nr42-vom-13102008/killerspiele-training-fuer-das-morden-im-krieg/

Eine Ursache für Gewaltbereitschaft kann häusliche Gewalt sein. Es können die falschen Filme sein, die falschen Spiele, der falsche Umgang, das falsche Umfeld oder alles zusammen. Es kann auch ein Ausbrechen aus gewohnten (spießigen) Bahnen sein.
In zeit-fragen.ch befinden sich mehrere Artikel, die sich mit dem Phänomen 'Killerspiele' beschäftigen. Dort geht es nicht um das Abschießen von Moorhühnern, sondern diese Spiele wirken erschreckend real. Ich weiß aus Erfahrung, dass alles, was man Kindern verbietet, für sie besonders interessant ist. War das bei uns anders? Was nützt mir ein Verbot, wenn sie diese Spiele bei ihren Kumpels spielen können? Gefordert sind wir Eltern, indem wir beobachten, was sie spielen und herausfinden, warum sie es spielen wollen.

Die meisten Kinder haben einen ungehinderten Internetzugang, was mir völlig unverständlich ist. Das kann man ändern und beeinflussen. Man kann den Browser kindersicher machen, das hindert sie aber nicht daran, sich die Spiele anderweitig zu besorgen. Das Wichtigste ist, dass man mit den Kindern und Jugendlichen spricht und sie auf die Gefahren aufmerksam macht. Wer sich hinter dem PC verkriecht, entflieht der Realität und begiebt sich in eine irreale virtuelle Welt, aus der man eine reale Welt entstehen lassen kann. Gefährlich wird es, wenn der Unterschied zwischen Virtualität und Realität verwischt wird und ineinander verschmilzt, wenn die Kinder kein Empfinden für Recht und Unrecht haben.

Ich gehe davon aus, dass die Kinder dafür anfällig sind, denen die Ansprache, Zuwengung und andere Anregungen fehlen. Bei den jugendlichen Amokläufen, die bekannt wurden, spielte der Umgang mit dem PC eine wichtige Rolle. Sie haben ihre 'Alarmzeichen' ausgesendet und wurden nicht ernst genommen. Das ist zu vergleichen mit einem Selbstmörder, der seinen Freitod ankündigt und den man nicht ernst nimmt, weil, sonst würde er/sie das nicht ankündigen. Das sind Hilferufe, die ausgesendet werden und es ist unverantwortlich, wenn man sie ignoriert.

Meine Kinder befragen den PC wegen Infos bezüglich Hausaufgaben und Referaten. Sie lesen Online-Nachrichten. Sie chatten nicht. Das ist heutzutage ungewöhnlich. Ich habe ihnen nahegelegt, dass sie ihre Ansprechpartner anrufen und sich mit ihnen treffen können. Sie haben zwar Handys, aber sie nutzen sie kaum. Sie kennen noch nicht mal die Kürzelsprache beim Essemessen.

Sie spielen ein Online-Spiel für ein bis zwei Stunden, aber das ist kein Killerspiel. Zuweilen liefern sie sich Fußball- und Eishockeyturniere an der X-Box. Ihr PC ist mit meinem verknüpft. Ich sehe, wann sie sich online und offline schalten, d.h. ich bin der weibliche Schäuble meiner Kinder ;-) Umgekehrt sehen sie, wann ich On bin. Das nenne ich gegenseitige Vertrauensbasis. Bisher haben sie immer gefragt. Manche Spiele können dem Aggressionsabbau dienen, sie dürfen allerdings nicht dem Aggressionsaufbau dienen. Man sollte beobachten, was sie am PC tun, nicht zur Kontrolle, sondern zum besseren Verständnis.

Ich erinnere mich an eine Besprechung zu einer Klassenfahrt. Die Lehrkräfte wollten Handys, MP3-Player und Laptops im Gepäck ausschließen, mit der Begründung, dass es ihnen um gemeinsame Beschäftigung ginge. Einige Eltern sagten, dass ihre Kinder nicht ohne diese Geräte sein könnten und dann ausflippen würden. Der Zahn wurde ihnen gezogen.

Alle Kinder konnten ohne die Geräte sein und es gefiel ihnen, täglich miteinander zu spielen und sich aufeinander einzulassen. Für manche Kinder war es eine völlig neue Erfahrung!!! und deshalb sollten wir Erwachsene uns überlegen, was wir durchgehen lassen und wie wir ihnen die Dinge erklären. Wir sind ein nicht unwesentlicher Faktor dabei. Wie wäre es mit einem gemeinsamen Spieleabend oder -nachmittag, ein Spaziergang im Wald oder dem Park, um zu erfahren, was die meisten von uns nicht mehr sehen, fühlen und riechen bei unserer längst abgestumpften Wahrnehmung. Kinder sind in der Hinsicht gute Wegbereiter. Führt sie nicht in die PC-Isolation. Holt sie heraus, wenn sie schon drinnen sind.

Es gibt eingebaute steuerbare Zeitschaltuhren. Bisher musste ich mich dieses Mittels noch nicht bedienen. Mir schrieb eine Frau, dass ihre Kinder des nachts, während sie schläft, am PC spielen und sie sie morgens nicht aus dem Bett bekommt. Sicherungen und Netzkabel kann man entfernen. Ohne Strom nix los. Taschenlampen funktionieren auch nicht ohne Batterien. Als meine Kinder mal meinten nicht aufhören zu müssen mit dem PC-Spiel, trotz vorheriger Absprache, habe ich ihnen mit Vorwarnung im laufenden Betrieb den PC durch Stromabstinenz gekappt. Es hat ein Weile gedauert, bis wir ihn reanimieren konnten. Es verfehlte nicht die Wirkung.
'Grausame' Muttergrüße :-)

Danke an die Userin, die mich auf zeit-fragen.ch aufmerksam gemacht hat.

© 2008 Copyright Kinder-Alarm Schwalbe 1.12. 2008

Kommentare:

Erich Paus hat gesagt…

Die schlimmsten "Killerspiele" für die Anregung von Jugendgewalt sind Massenverarmung, Orientierungslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Diese "Killerspiele" werden von Bundesregierung und Parlament selber vertrieben. Und diese Killerspiele haben die geilste Grafik überhaupt, die Realität.
Vielleicht soll das langweilige Zeitgeistgesülze in diesem Artikel nur projektiv von diesem Faktum ablenken oder der Bundesregierung helfen, neuen Gesetzes-Aktivismus zu entfalten zur Steigerung des Selbstwertgefühls unterbeschäftigter und nichtsnutziger Abgeordneter. Vielleicht ist es aber auch nur die alltägliche Medien-Wichtigtuerei.

Schwalbe hat gesagt…

Dass was du schreibst, meinte ich ja mit 'Umfeld'. Ich habe es schon in so vielen Beiträgen geschrieben und manchmal komme ich mir vor wie das TV, dass in den Sommerpausen alles wiederholt :-(. Die Gefahr von PC-Spielen und Online-Sucht sollte man nicht verkennen, bei klein und groß. Vielleicht war das 'langweilige Zeitgeistgesülze' auch als Warnung gemeint.