Donnerstag, 30. Oktober 2008

Moderne Sklaverei; in Sachen Leiharbeit verdeckt ermittelt

Am vergangenen Montag zeigte ARD einen Bericht mit dem Titel 'Leiharbeit undercover'. Der Bericht handelte von der Zweiklassengesellschaft in Betrieben und der unterschiedlichen Bezahlung und Behandlung von Leih- und Facharbeitern. Ein Autor und Undercover-Rechercheur hat ein Jahr unter falscher Identität die 'Vorzüge' der Leiharbeit getestet.

"Seine gelbe Weste leuchtet schon von Weitem. Sie markiert ihn, zeigt, dass er anders ist als die anderen Arbeiter in der Werkshalle. Matthias P. ist Leiharbeiter. In vielen Betrieben arbeitet er Schulter an Schulter mit den Facharbeitern des Unternehmens. Matthias P. bekommt rund sieben Euro brutto pro Stunde - weniger als die Hälfte des Lohns, den die Festangestellten mit Tarifvertrag bekommen. Noch am Morgen saß Matthias P. in seiner Wohnung. In Hose und Leuchtweste hockte er neben dem Telefon. Er ist verpflichtet, bis eine Stunde vor Schichtbeginn zu warten, auf einen Anruf der Firma, die ihn verleiht." Mehr:
http://www.daserste.de/doku/beitrag_dyn~uid,tn8oib5fy9yjfui4~cm.asp

In der Industrie waren die Leiharbeiter optisch zu erkennen durch andere Arbeitskleidung, die den Festangestellten signalisierte: wir gehören nicht zu euch. Dieses Erkennungszeichen führte in den Werkskantinen dazu, dass man genau wusste, wer sie waren und sie für das Kantinenessen mehr bezahlten mussten. Die Leiharbeiter verdienen mehr als die Hälfte weniger und müssen fast das Doppelte für das Essen bezahlen. Die Sozialräume, wie Umkleideräume, wurden ihnen nicht zur Verfügung gestellt. Sie mussten sich in den Werkshallen umziehen. Das ist eine ganz klare Ausgrenzung und Benachteiligung.

Bei einem führenden Auto-Hersteller wurden die Auszubildenden nach Beendigung der Ausbildung vor die Wahl gestellt: entweder Arbeitslosigkeit oder Leiharbeit. Ein befragter Firmenchef war sich keiner Schuld oder Unrechtsvergehens bewusst und meinte, dass das so abgesprochen sei mit der Politik. Die Auszubildenden sollten doch froh sein, dass sie so eine tolle Ausbildung bekämen. Was danach geschähe, wäre ihre Angelegenheit.

Wer die Eingliederungsvereinbarung unterschrieben hat, ist verpflichtet jeden angebotenen Job anzunehmen. Wer sich weigert, riskiert die Leistungskürzung. Es wurde in dem Bericht gezeigt, dass Lohnabrechnungen im nachhinein gekürzt wurden mit der Begründung, der Leiharbeiter habe angeblich öfter gefehlt. Von ca. 550 oder 590 € Monatsverdienst für acht Std. im Schichtdienst wurden wegen vermeintlichen Fehlens ca. 100 € in der nächsten Abrechnung abgezogen.

Nach der Beschäftigung in der Industrie wurden die Erwerbslosen als Erntehelfer eingesetzt. Die Arbeitsbedingungen und der Lohn, den man ihnen zusagte, entsprachen nicht der Realität. Für jede geerntete Palette Erdbeeren bekamen sie 2,50 €. Was man angeblich in der Stunde an Paletten schaffen könne, hat keiner geschafft. Das lag an den nicht eingehaltenen versprochenen Bedingungen und teilweise am Alter der Erntehelfer. Nach vier Stunden Erntearbeit sollte eine Pause erfolgen. Die Realität sah anders aus. Die Pausen wurden nur anfänglich eingehalten. Nach einer Weile verschärften sich die Bedingungen. In der Mittagshitze wurde weiter gearbeitet. Sie bekamen kein Wasser, keine Verpflegung, mussten ihre Notdurft auf dem Feld verrichten und, angelockt durch den süßlichen Geruch der Erdbeeren, wurden sie durch die Kleidung hindurch von Insekten zerstochen.

Es gab Tage, da arbeiteten sie fast pausenlos 11 Std. am Tag. Resultat: 30 Euro. Erst als das TV sich anmeldete, wurde eilig ein Dixi-Klo besorgt und alle Pausen eingehalten. Der Chef meinte, dass es ja keine richtige Arbeit sei, sondern nur Erntehilfe. Ach so, Stunden bückend, hockend und knieend auf dem Acker Erdbeeren pflücken ist keine Arbeit. Man lernt nie aus. Die Folgen der 'Hilfe' waren Rücken- und Knieprobleme und ein zerstochener Körper.

W.Clement, der als Erfinder der Leiharbeit gilt, wurde das Filmmaterial gezeigt. Er meinte, dass, wenn es so sei, es nicht der Sinn der Leiharbeit (sinngemäß wiedergegeben) sei. Darauf wären wir nie gekommen. Wenn man seine Idee ganz offensichtlich missbraucht hat, wird es Zeit dagegen zu steuern.

Es dürfte den Bürgern immer verständlicher werden, warum es Hartz-IV-Empfänger gibt, die sich weigern sich unter solchen Bedingungen ausbeuten zu lassen. Wer sich nicht ausbeuten lassen will, ist deswegen nicht faul. Sie wollen faire Bezahlung und akzektable Arbeitsbedingungen. Wie sehr sich allerdings das Denken, dass es legitim ist, in den Köpfen manifestiert hat, zeigt diese beobachtete Szene: ein lange Schlange an der Supermarkt-Kasse. Wegen der Wartezeiten wurde gemeckert und es hieß: "Warum holen sie sich keinen 1-€-Jobber?" Ähnliche Szenen beobachtet man öfter. Die Nächsten, die nun die Jobs verlieren, sind die Leiharbeiter, aber angeblich sind die Arbeitslosenzahlen unter drei Mio. gesunken.

© 2008 Copyright Kinder-Alarm Schwalbe 30.10.2008

1 Kommentar:

Harald hat gesagt…

Danke für den Hinweis auf diese Doku, und damit alle, die sie nicht sehen konnten diese sich mal anschauen, die Links zu youtube:
1. http://www.youtube.com/watch?v=eYkvcKc5_4o&hl=de
2. http://www.youtube.com/watch?v=KNlu2XsWGbQ&hl=de
3. http://www.youtube.com/watch?v=9z2yF64FDSs&hl=de
4. http://www.youtube.com/watch?v=Rmec_HQffzA&hl=de
5. http://www.youtube.com/watch?v=17RYdtcmsj8&hl=de